Bernhard, Thomas: "Der Untergeher"


Roman

ISBN: 9783518379974

 

Das Klaviervirtuosentum im Speziellen

 

Als ich im Radio auf „mdr Kultur“ die Buchbeschreibung in der Reihe Musikromane hörte, klang „Der Untergeher“ von Thomas Bernhard spannend und ich wollte mehr darüber erfahren, also kaufte ich mir das Buch.
Nachdem ich es nun gelesen habe, kann ich mich immer noch nicht entscheiden, wie ich es nun eigentlich finden soll. Zum einen sind die Charaktere der „Mitspieler“ genauestens beschrieben und machen Lust auf mehr, zum anderen hatte ich das Gefühl beim Lesen auf der Stelle zu treten.
Es passiert nicht wirklich etwas in dem Buch und doch passiert eine ganze Menge. Stück für Stück werden drei Leben schonungslos offengelegt. Lebensbeschreibungen, Vermutungen und Wissen über die Abgründe der Seele.

Doch nun der Reihe nach:
Drei Männer, Klaviervirtuosen, entschließen sich getrennt voneinander und ohne sich zu kennen an einem Musikkurs bei dem Meister Horowitz in Salzburg teilzunehmen, um ihr Klavierspiel zu verfeinern.


Von genau diesem Moment an, als die drei aufeinandertreffen, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Glenn Gould, das Genie unter den Klaviervirtuosen, Wertheimer von Gould als der „Untergeher“ bezeichnet und der Erzähler von Gould als „Philosoph“ betitelt, um diese Männer dreht sich die ganze Geschichte. Und sie setzt immer wieder an dem Punkt an, als Wertheimer und der Erzähler Glenn Gould das erste mal die „Goldberg-Variationen“ spielen hören.


An dieser Stelle wussten beide, dieses Genie ist nicht zu übertreffen. Jeder zieht daraus seine Schlussfolgerungen.
Der eine, der Erzähler, verschenkt seinen wertvollen Flügel an eine mittelmäßige Klavierschülerin und gibt fortan das Klavierspiel auf, der andere, Wertheimer, probiert sich noch einige Jahre am Klavier, gibt dann auf und stürzt sich in die Geisteswissenschaften. Nebenbei drangsaliert er seine Schwester mit der er zusammenwohnt, bis diese ihm durch eine Heirat entwischt („Obwohl sie mir versprochen hat, dass sie mich nicht verlassen wird...Noch dazu ist meine Schwester...tief katholisch, rettungslos katholisch, sagte er. Aber so sind diese Tief-Religiösen, Tief-Katholischen, Übergetretenen, sagte er, sie schrecken vor nichts und selbst vor dem größten Verbrechen nicht zurück, sie verlassen den eigenen Bruder und werfen sich irgendeinem dahergelaufenen Halbseidenmenschen, der es zufällig und durch Skrupellosigkeit zu Geld gebracht hat, an die Brust...“).


Aber er zahlt es ihr heim, denn als sich Wertheimer das Leben nimmt, sucht er sich einen Baum aus, ganz in der Nähe des Wohnhauses der Schwester, um sich daran aufzuhängen. So lässt er sie auch nach seinem Ableben nicht in Ruhe.


Leseprobe:

„Noch jahrelang nach dem Horowitzkurs hatten wir an unser Virtuosentum geglaubt, während es schon tot gewesen war in dem Augenblick, in welchem wir Glenn kennen gelernt hatten. Wer weiß ob ich, wäre ich nicht zu Horowitz gegangen, hätte ich also auf meinen Lehrer Wührer gehört, nicht doch heute ein Klaviervirtuose wäre, einer, wie ich dachte, jener berühmten, die das ganze Jahr über zwischen Buenos Aires und Wien hin- und herreisen mit ihrer Kunst. Und Wertheimer auch. Sofort sagte ich mir aber ein entschiedenes Nein, denn ich hasste von Anfang an das Virtuosentum mit seinen Begleiterscheinungen, ich hasste vor allem den Auftritt vor der Menge und ich hasste wie nichts den Applaus, ich ertrug ihn nicht, lange Zeit wusste ich nicht, ertrage ich die schlechte Luft in den Konzertsälen nicht oder den Applaus oder beides nicht, bis mir klar war, dass ich das Virtuosentum an sich und vor allem das Klaviervirtuosentum nicht ertragen konnte.
Denn ich hasste wie nichts sonst das Publikum und alles, das mit diesem Publikum zusammenhängt...Und Glenn spielte ja auch nur zwei oder drei Jahre öffentlich, dann ertrug er es nicht mehr und blieb zuhause und wurde da, in seinem Haus in Amerika, der beste und der wichtigste aller Klavierspieler...Er war in der Zwischenzeit der hellsichtigste aller Narren geworden. Er hatte den Gipfel der Kunst erreicht und es war nur eine Frage der allerkürzesten Zeit, dass ihn der Gehirnschlag treffen musste.“


In diesem Stil ist das ganze Buch geschrieben. Nachdenkliches, Tiefgründiges, kleine und große Wahrheiten kommen ans Licht. Auch in Ausführungen wie `Was wäre, wenn...?` ergeht sich der Autor und das Ganze immer mit einem ironischen Seitenhieb.

Ich weiß nicht, ob ich das Buch empfehlen sollte, zum einen machte mir das Lesen Lust, zum anderen Frust. Es ließ sich auch nicht hintereinanderweg lesen, ich musste nach maximal 20-30 Seiten immer eine längere Pause einlegen.


Die pessimistische Grundstimmung, die der Autor vermittelt, zieht einen beim Lesen förmlich mit runter.

Thomas Bernhard, geboren 1931 in Oberösterreich, schrieb diesen teils autobiografisch geprägten Roman kurz nach dem der kanadische Pianist Glenn Gould 1982 verstarb.

Wer jetzt trotzdem Interesse an dem Werk bekommen hat, hier sind noch einige Daten:

Taschenbuch im Suhrkamp Verlag 1983
243 Seiten