Scharsich, Dagmar: "Die gefrorene Charlotte"


Krimi
ISBN: 978-3886195480

 

Ein schweres Erbe

 

Ost-Berlin, Sommer 1989. Cora Ost, alleinlebend, Anfang dreißig arbeitet als Krankenhausbibliothekarin. Ihre wichtigsten Bezugspersonen lassen sich schnell beschreiben. Da ist zum einen ihre Freundin Marion, die mit Cora die Patienten im Krankenhaus mit Büchern versorgt. Zum anderen Coras Familie, die aus Tante Johanna, deren behindertem Sohn Horst und Johannas Freundin Hedda besteht, die alle drei zusammen wohnen.
Tante Johanna besitzt eine riesengroße, wertvolle Puppensammlung, mehr als tausend Puppen nennt sie ihr Eigen.

Zu Coras dreißigstem Geburtstag schenkt ihr Johanna die „gefrorenen Charlotten“, eine Gruppe von sechs Porzellanfiguren. Von der siebenten „Charlotte“ kann sich Johanna noch nicht trennen und behält diese.


Kurze Zeit später stirbt Johanna an Herzversagen und in ihrem Nachlaß findet Cora eine Steuermahnung über 289532 Mark, als Grund wird der Wertezuwachs ihrer Antiquitätensammlung angegeben. Bis Oktober muß nun Cora, als Erbin das Geld auftreiben, doch sie hat keine Ahnung, wie sie das anstellen soll.
Marion, die ihr sonst in allen Lebenslagen einen Rat geben konnte, kann ihr nicht mehr helfen. Sie ist, wie Tausende andere auch, über die grüne Grenze zwischen Ungarn und Österreich aus der DDR geflüchtet.

Verschiedene Männer treten von nun an in Coras Leben, natürlich wollen alle nur das Beste für sie. Bei einem, wo sie es nicht vermutet, taucht die siebente „Charlotte“ wieder auf.
Eines Tages, als Cora Hedda und Horst besuchen will, steht dort die Haustür offen. Als sie langsam und vorsichtig näher tritt, sieht sie, das sich keine einzige Puppe mehr an ihrem gewohnten Platz befindet. Alle Vitrinen sind leergeräumt und als sie die Küche betritt hängt dort Horst mit einem Strick um den Hals, hingerichtet am Fensterkreuz.


Bis zu den letzten Seiten bleibt unklar, wer ist Freund, wer ist Feind, wer hat die Puppen gestohlen und Horst auf dem Gewissen.
Fast das ganze Buch über möchte man Cora zurufen „Wach auf!“. Ihre Naivität und Gutgläubigkeit fängt schon fast an weh zu tun. Spannend und fesselnd bis zum Schluß, habe ich das Buch nicht gelesen sondern verschlungen.

Es ist nicht nur ein richtig guter Krimi. Geschildert werden vielmehr auch die politischen Zusammenhänge und geschichtlichen Abläufe vor und während der Wende in der DDR. Die Befindlichkeiten und Ängste der Menschen, die sich damals trauten auf die Straße zu gehen, um für eine bessere, ehrlichere und demokratische Republik zu kämpfen, werden authentisch dargestellt.
In den ersten Wochen der Wende ging es nicht um ein einiges Deutschland, die meisten von uns wollten eine freie Heimat, nicht mehr und nicht weniger.
Während der gesamten Zeit, als ich das Buch las, geisterten mir Ausschnitte eines Liedes von damals (vor der Wende) von „Pension Volkmann“ durch den Kopf:


„Satt zu essen und ein Ausweis in der Tasche, der was gilt,
satt zu essen und `ne Heimat, die Dich nie für Fernweh schilt.
Satt zu essen und `ne Arbeit, die Dir gut und gern gelingt,
satt zu essen und Vertrauen, das man Dir entgegenbringt.
Satt zu essen und `ne Antwort, ganz egal wie oft Du fragst,
satt zu essen und `ne Wohnung, die Du auch bei Lichte magst.
Satt zu essen und `ne Freundin, die es Dir aus Lust besorgt,
satt zu essen und `nen Nachbarn, der Dir seine Platten borgt.
Satt zu essen, satt zu essen wünsch ich Dir, aber nicht nur Brot und Butter,
aber nicht nur Fleisch und Bier,
satt zu essen an den Dingen die nicht durch den Magen gehen,
satt zu essen für die Sinne, den Verstand und das Verstehn...“

 

 

Mein Fazit: absolut lesenswert, auch wenn bestimmt mancher mit DDR-Worten wie Goldbrand, Cabinet oder Kriepa-Taschentüchern nicht viel anfangen kann.


Argument Verlag 1993 Reihe: ariadne krimi (1048)
439 Seiten