Steidele, Angela: "In Männerkleidern"


Biographie / Geschichte
ISBN: 9783412167035

 

Kleider machen Leute

 

Es ist schon einige Jahre her, da fand in den Frankeschen Stiftungen in Halle an der Saale die Buchvorstellung „In Männerkleidern – Das verwegene Leben der Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, hingerichtet 1721“ durch die Autorin Angela Steidele statt. Ich hörte zum ersten Mal von der wahren Geschichte um Catharina Margaretha Linck, die vermutlich als letzte Frau in Deutschland wegen sogenannter Unzucht mit einer anderen Frau im 18. Jahrhundert hingerichtet wurde.

Der Inhalt des Buches, so kurz wie möglich zusammengefasst:
Catharina Margaretha Linck wird am Pfingstsonntag des Jahres 1687 in der Nähe des Kyffhäusers geboren und gleich am nächsten Tag evangelisch getauft. Ihre Mutter Magdalena, 31 Jahre alt, ist früh verwitwet und kann die mit ihrem ehemaligen Mann betriebene Lein- und Wollweberei in Schönebeck nicht halten. Sie verarmt schnell und hält sich als Marketenderin über Wasser, in dem sie ein Regiment von Soldaten begleitet und dort Waren zum Kauf anbietet. Evtl. ist die Not auch so groß, dass sie sich prostituiert, jedenfalls zeugt sie mit einem ungenannten Soldaten ihre Tochter Catharina Margaretha.


Für die nächsten knapp 10 Jahre verliert sich ihre Spur. Dann tauchen beide in Glaucha auf, einer Amtsstadt mit eigener Gerichtsbarkeit umgeben von einer Stadtmauer in direkter Nachbarschaft zu Halle. Heute ist Glaucha ein Stadtteil im Süden von Halle.

Da Glaucha seit 1469 eine erzbischhöfliche Lizenz zum Schnaps brennen und zum Ausschank fremder Biere besitzt, ähnelt der Ort einer einzigen Spelunke. „...Auch aus dem benachbarten Halle kam man zum Saufen nach Glaucha, und mit der allgegenwärtigen Trunksucht ging die Verelendung einher...Krankheiten, niedriger Bildungsstand, hohe Kindersterblichkeit und Kriminalität kennzeichneten den Ort. Die mangelnde sittliche Zucht machte auch vor dem Pfarrer der Kirche Glaucha nicht halt.“ Er wird 1691 nach einem Gottesdienst festgenommen, eingesperrt und suspendiert, weil er „...wenn man die zeitgenössischen moralischen Umschreibungen konkret deutet – im Beichtstuhl wohl sexuelle Dienstleistungen verlangt hatte.“

Diese frei gewordene Pfarrstelle übernimmt kurz darauf der junge Pastor August Hermann Francke (1663 – 1727), der gleichzeitig an der Universität von Halle zum Professor für Griechisch und orientalische Sprachen ernannt wird. Er ist ein Verfechter des Pietismus und eckt deshalb immer wieder mit den Oberen an.


Da die Pestepidemie 1682 auch Glaucha nicht verschont, leben dort viele Waisenkinder.
August Hermann Francke nimmt sich ihrer an und eröffnet 1695 in seinem Pfarrhaus eine Armenschule. Ein halbes Jahr später bringt er die ersten Waisen gegen Kostgeld in Familien unter. Kurz darauf erweitert er die Schulräume und kauft ein Haus hinzu, wo 12 Waisen einquartiert werden. Margarete Linck wird im Waisenhaus angestellt und arbeitet dort bis zu ihrem Tode (1739). Auch die neunjährige Catharina Margaretha wird aufgenommen und erhält eine umfassende Schulbildung, die zu der damaligen Zeit in keiner Weise selbstverständlich ist, schon gar nicht für Mädchen.

Die pietistische Glaubenshaltung (Erneuerungsbewegung innerhalb des Protestantismus) von Francke ist sein Antrieb, die Kinder aufzunehmen und in diesem Sinne zu lehren. Die Einübung des christlichen Glaubens beherrscht den gesamten Tag der Kinder. „...Es ging in der Pädagogik von Francke um nichts weniger als die Rettung der Seele vor dem ewigen Verderben; mit Hilfe der christlichen Unterweisung sollten die Kinder zu dem werden, was Gott ursprünglich mit dem Menschen geschaffen hatte: sein Ebenbild, dessen letztendlicher Daseinszweck nach pietistischer Auffassung im Lob Gottes bestand...“
Nach einiger Zeit hat Catharina Margaretha erst mal evtl. genug von dem strengen Tagesablauf und büchst aus. Ihre Mutter bringt sie ins Waisenhaus zurück.

Währenddessen wächst die Anzahl der aufgenommenen Waisenkinder unaufhaltsam und August Hermann Francke kauft durch Spenden finanzierte Häuser dazu um den Platzbedarf decken zu können und einen Grashügel. Hier beginnt der Neubau eines ganzen Gebäudekomplexes, der Francke`schen Stiftungen, wie sie noch heute existieren. Auch gründet er weitere deutsche und lateinische Schulen, das Paedagogium und die Latina.


Im April 1700 wird Catharina Margaretha, dreizehnjährig, aus dem Waisenhaus entlassen. Sie arbeitet als Magd zuerst bei einem Wagner, wo es bald Schwierigkeiten gibt. Dann kommt sie bei einem Knopfmacher und Kattundrucker unter, wo sie sich mit der Zeit einige Tricks und Kniffe abschaut.

Fünfzehnjährig verlässt sie Halle und wandert allein nach Calbe, wo sie Freunde hat. Hier besorgt sie sich Männerkleidung und tritt erstmals als Mann auf.
Als Mann hat sie im 18. Jahrhundert ganz andere und viel bessere Möglichkeiten, ob im Beruf, beim Verdienst oder bei den Freiheiten und Rechten, auch kann sie so Frauen verführen, heiraten oder mit ihnen zusammenleben.

Sie scheint körperlich die Voraussetzungen zu haben, um als Mann „durchzugehen“. Sie ist groß und kräftig, hat ein schönes Gesicht und ist eine gute Schauspielerin. Vielleicht hat sie damals schon ein Horn in die Hose gesteckt, um im Stehen pinkeln zu können, wie es zu der Zeit viele Frauen taten, die als Männer verkleidet lebten.
Um dieses Leben als Mann führen zu können, muss sie mit ihrem alten Leben brechen, denn ein Geschlechtertausch wird zu der damaligen Zeit nicht akzeptiert.


Catharina Margaretha kehrt als Mann nach Halle zurück hält sich aber weitgehend im Hintergrund, um nicht enttarnt zu werden. Hier lernt sie eine radikalpietistische Täufergruppe kennen, denen sie sich anschließt. Sie zieht mit ihnen Richtung Bautzen, dann durch Böhmen und weiter bis nach Nürnberg. Auch vor den Stadttoren von Nürnberg verbreitet die Gruppe unter interessierten Menschen ihre Ansichten und führt in der Pegnitz Taufen durch. Die Täuferbewegung ging davon aus, dass die Taufe eine bewusste freiwillige Entscheidung eines Erwachsenen sein und nicht automatisch bei Kindern durchgeführt werden sollte.

Auch Catharina Margaretha lässt sich taufen und steigt als neuer Mensch oder besser gesagt als der Mann Anastasius Lagrantinus Rosenstengel aus dem Wasser. Seit diesem Moment versucht sie sich als Prophet, doch ihre Prophezeiungen treten nur selten ein und nach zwei Jahren als sich die Gruppe in Köln aufhält verlässt sie diese. Über das Sauerland wandert Catharina Margaretha zurück nach Halle, da sie keine andere Alternative sieht.

In Halle zieht sie wieder Frauenkleider an, aber nur kurze Zeit, denn im Frühling 1705 kehrt sie der Stadt in Männerkleidern den Rücken und wird Musketier, also ein einfacher Fußsoldat in einem zusammengewürfelten Söldnerheer des Kurfürstentums Hannover, das zu einer Allianz im Spanische Erbfolgekrieg gehört, in dem es um die Herrschaft über die Spanischen Niederlande und die Vormachtstellung in Europa geht.

Als Soldat nennt sie sich Anastasius Lagrantinus Beuerlein bzw. Caspar Beuerlein. Sie verbirgt ihre Brüste unter einem Stück Weißblech, welches sie sich um den Oberkörper bindet. Beim Waschen wird sie sich nie ausgezogen haben. Ein Horn benutz sie, um stehend pinkeln zu können. Sie fertigt sich ein „von Leder gemachtes ausgestopfftes Männliches Glied“ und zwei Lederkugeln. Diesen Dildo samt Hoden legt sie sich mit einem Lederband an und benutze ihn regelmäßig nicht nur bei Prostituierten und Witwen. Manchmal ist sie viele Kilometer „nach einem schönen Weibes Menschen gelauffen“. Ihren gesamten Sold bringt sie für diese Leidenschaft durch.


Als sie 1708 als Kanonenfutter im Kampf geopfert werden soll türmt sie mit 2 anderen Kameraden, wird gefangen genommen und zum Regiment zurückgebracht. Vom Militärgericht werden alle drei zum Tode durch den Strang verurteilt. Als sie vor dem Galgen steht und nichts mehr zu verlieren hat gibt sie sich als Frau zu erkennen und erzählt, dass sie im Waisenhaus in Halle vom berühmten August Hermann Francke erzogen worden sei. In einem Schreiben bestätigt Francke diese Aussage und Catharina Margaretha kommt nach vielen Wochen wieder in Freiheit.

In den nächsten Jahren dient sie trotzdem immer wieder als Soldat in den verschiedensten Armeen. Als sie genug davon hat und wieder einmal kurz vor der Enttarnung steht, flüchtet sie 1712 und kehrt nach Halle zurück.
Mit nun 25 Jahren findet sie Arbeit beim Universitätstuchmacher. Die früher erlernten Fähigkeiten in diesem Handwerk kann sie nutzen und arbeitet sich schnell zu einer „Führungskraft“ hoch. Durch das selbst verdiente Geld und mit neu gewonnenem Selbstbewusstsein kann sie sich freier bewegen und zieht jetzt immer öfter Männerkleidung an. Das wird ihr 1716 zum Verhängnis. Sie wird von einem Soldatenwerbekommando zur Unterschrift genötigt und es hilft ihr nichts, dass sie sich als Frau zu erkennen gibt. Erst nachdem eine Untersuchung im Rathaus zu Halle ergibt, dass sie wirklich weiblichen Geschlechts ist, lassen die Werber von ihr ab.


Doch Catharina Margaretha will sich nicht in die Frauenrolle zurück drängen lassen, also verlässt sie endgültig ihre Heimatstadt Halle und geht nach Halberstadt, wo sie Freunde hat.
Hier lernt sie Catharina Mühlhahn kennen, beide verlieben sich ineinander und Anastasius Rosenstengel bestellt das Aufgebot. Nach der Hochzeit gibt es immer wieder Streitereien mit der Schwiegermutter, die nicht viel von Anastasius hält und auch nicht recht glauben will, dass er ein Mann ist. Um die ständigen Geldsorgen in den Griff zu bekommen gehen die Eheleute auf Wanderschaft mal gemeinsam und mal getrennt. Sie sind dabei sehr erfinderisch, was ihnen aber oft nicht viel nützt.

Am Ende ist es die misstrauische Schwiegermutter, die Anastasius als Frau entlarvt und beim Stadtgericht anzeigt, woraufhin ihr und ihrer Ehefrau der Prozess gemacht wird. Anfang November 1721 wird Catharina Linck durch das Schwert hingerichtet.

 


Das Buch ist grob in 2 Teile gegliedert, zum einen die Biografie zum anderen der Quellenteil, der vor allem aus den Gerichtsakten besteht.

Meine Meinung:


Schon das umfangreiche Quellenverzeichnis und die nicht enden wollende Danksagung zeigt, mit was für einem riesigen Aufwand die Autorin für dieses Buch recherchiert hat. Ihr ist es gelungen aus verschiedensten Informationen, vor allen Dingen Gerichtsakten, eine fließende, spannende, berührende und wahre Geschichte aufs Papier zu bringen. Ich spürte zu jeder Zeit mit wie viel Herzblut Angela Steidele Seite um Seite des Buches mit Leben füllte.
Alle Personen, aber besonders Catharina Margaretha Linck, werden von der Autorin lebendig dargestellt. Ihr Leben wird mit allen Höhen und Tiefen erkennbar. Die Spuren dieses Lebens zu verfolgen machte Spaß, da es sich auch um eine sehr humorvolle Person gehandelt haben muss, machte mich aber auch betroffen über die Umstände eines Lebens in der Unterschicht des 18. Jahrhunderts.

Ich konnte mich gut in die vergangene Zeit hinein versetzten. Die Autorin flicht immer wieder Hintergrundinformationen, wie geschichtliche Erklärungen oder zeitgenössische Aussagen mit ein, die ich als sehr hilfreich empfand, um die Zusammenhänge besser verstehen zu können. Angela Steidele versucht sich in Deutungen, lässt aber für die eigene Auslegung noch genug Raum.

Das Buch zeigt sehr schön die Möglichkeiten und Grenzen für ein Frauenleben in der damaligen Zeit und die Schwierigkeiten aus der Frauenrolle auszubrechen zu können.
Für mich als Hallenserin war es doppelt interessant dieses Buch zu lesen. Da ich an einigen beschriebenen Orten fast täglich vorbei komme, stelle ich mir dann oft vor, wie sie wohl war, die längst vergangene Zeit.


Zusammenfassend kann ich sagen: das Buch ist phantasie- und bildreich geschrieben. Viele Hintergrundinformationen ergänzen die Biographie optimal. Das Buch kostet 22,90 € und fasst 250 Seiten.